Krise
oder Katastrophe?
Wenn
derzeit sonst nichts Konjunktur hat, eines ist so aktuell
wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr: Immer mehr Menschen
stellen sich insgeheim die Frage, ob der Kapitalismus
tatsächlich das System ist, welches für die größtmögliche
Gerechtigkeit und eine verlässliche soziale Sicherheit
sorgt. Lange Zeit wurde uns vorgebetet, der Wohlstand
unserer Gesellschaft gedeihe am besten, wenn ein Jeder
völlig ungestört seine Geschäfte betreiben kann und - vor
allem - wenn sich Vater Staat vornehm zurückhält und
großzügig gewähren lässt. Heute wissen wir, wie
leichtsinnig und folgenreich diese naive Vorstellung vom
guten Kapitaleigner an sich und seinem segensreichen Wirken
für die Allgemeinheit war und ist.
Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 hat der britische Ökonom
John Maynard Keynes folgenden Satz formuliert: „Der
Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass
widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie
für das allgemeine Wohl sorgen werden.“ Ein heftiger Satz,
wohl wahr, aber heute plötzlich wieder ganz aktuell. Immer
mehr Politiker, Wirtschaftsexperten, ja sogar Banker denken
heute genauso. Ihr Glaube an die bisher als
alleinseligmachend geltende Marktwirtschaft wankt immer
heftiger.
US-Präsident Obama meint, das Grundproblem des Kapitalismus
sei „eine Kultur, in der Leute enorm viel Geld damit
verdienen, die gesamte Wirtschaft aufs Spiel zu setzen.“
Wir alle wissen, dass der ganze Schlamassel mit der
Finanzkrise begann und nach kurzer Zeit in eine veritable
Wirtschaftskrise führte. Warum das so ist, wird
ersichtlich, wenn man sich klar macht, dass Geld heute
nicht mehr überwiegend für Investitionen in die Wirtschaft
um die Welt vagabundiert. Es ist zu einem Selbstzweck
geworden, da es jahrelang lohnender war, damit zu
spekulieren als es in den Kauf von Industrie und Schaffung
von Arbeitsplätzen zu stecken.
Die Dimension wird mit nacken Zahlen beängstigend klar: Das
weltweite Finanzvermögen ist von 12 Billionen Dollar im
Jahre 1980 auf 196 Billionen Dollar in 1997 explodiert. Die
Vermögensansprüche der Geldbesitzer sind heute viermal
größer als die jährliche globale Wirtschaftsleistung. Das
sind nüchterne und sachliche Zahlen und keine überbordende
Fantasie irgendwelcher linker Sektierer.
Man hat uns auch eigeredet, dass es gut und allen nützlich
sei, wenn man Wagnisse eines Unternehmers belohne, ihn
jedoch zur Rechenschaft ziehe, wenn es schief laufe. Eine
schöne Idee, nur leider im negativen Fall völlig blauäugig.
Ab einer bestimmten Größe in Milliarden wird nach dem
Versagen der Manager der Schaden für „systemisch“ erklärt
und der Steuerzahler muss dafür geradestehen. Gewinne
werden privatisiert, Verluste sozialisiert. Es ist absolut
legitim, die Frage zu stellen: Banker, Manager und
Milliardäre können sich, wie man sieht, auf den Staat
verlassen - nachdem sie sich total verzockt haben -, warum
gilt das nicht auch für den mittellosen Hartz IV-Empfänger
und die verarmte Rentnerin? Und was ist mit dem älteren
Ehepaar, dessen geplante Altersvorsorge sich irgendwo in
der Welt der Finanz-Spekulation aufgelöst hat?
Paul Nolte, Historiker an der FU Berlin und ein
Konservativer, meint, dass „der Konservatismus auch mal
antikapitalistisch begonnen hat.“ Und: „Die SPD wird durch
die Krise eher nach rechts verschoben, die
marktwirtschaftlichen Pragmatiker bestimmen die Politik,
von Andrea Nahles ist nichts zu hören.“
Das wird den Sozis nicht gefallen, aber es ist doch einiges
an Wahrheit darin. Einen Widerspruch kann man aber gleich
erkennen: Das seit Jahren von CDU/CSU behauptete Abdriften
der SPD nach links ist völlig daneben, das Gegenteil ist
der Fall. Auch wenn das kürzlich beschlossene Wahlprogramm
der Roten mit rosarot gefärbten Versprechungen nur darauf
wartet, nach der Wahl gleich wieder gebrochen zu werden,
mit dem Vorwurf, „Links“ zu sein, kann man sie zur
Schockstarre bringen.
Die derzeitige Krise führt auf diese Weise womöglich
tatsächlich zur Katastrophe, weil die Politik unabhängig
von der Einfärbung nichts in der Hand hat. „Geld regiert
die Welt“, dieser alte Spruch könnte sich schlimmer
bestätigen, als uns allen, inklusive der Politik, lieb sein
kann.
A.S (14.05.09)